Chan-Shaolin-Si


Kampfkünste erfreuen sich derzeit immer größerer Beliebtheit. Ihre Entstehung geht zurück bis in die Anfänge der Menschheit, und bis heute haben sich die einzelnen Kampfkünste in die unterschiedlichsten Bereiche weiterentwickelt. Zur Stärkung des menschlichen Organismus beinhalten Kampfkünste diverse Heillehren und Meditationsformen. Der gesundheitliche, psychische und physische Aspekt hat einen ebenso hohen Stellenwert wie der rein kämpferische Bereich.

In diesem Sinne sollte es unter anderem Aufgabe jeder Kampfkunst sein, Menschen da zu unterstützen und zu helfen, wo die Gesellschaft oft versagt. Soziales Lernen mit dem angestrebten Ziel der Ich- und Sozialkompetenz ist gegenwärtig und auch in Zukunft unabdingbarer Bestandteil eines zeitgemäßen Unterrichts in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft und kann durch das Praktizieren einer Kampfkunst erreicht, verstärkt und gefördert werden. Angesichts der vielfältigen physischen und psychischen Anforderungen einer industriellen Leistungsgesellschaft, wird der Kampfkünstler näher an sein Selbst herangeführt, wodurch er den Anforderungen des Lebens gelassener begegnen kann.


Yin Yang

In der Volksrepublik China wurden die Kampfkünste unter dem Oberbegriff Wushu geführt. Dieser Begriff bedeutet wörtlich übersetzt: „alte Kriegskunst“. Die Zusammenstellung unter diesem Begriff erfolgte nach der Befreiung der Volksrepublik an sämtlichen Sportschulen. Wushu gliedert sich in Langfaust, Südfaust, Tai-Chi-Chuan, Speer, Langstock, Breitschwert, gerades Schwert etc. Ziel der Volksrepublik China ist es, diese Disziplin (ähnlich dem Judo) olympisch anerkennen zu lassen. Dies würde jedoch den Kampfkunstbegriff dieser Systeme durch verstärkte Veräußerung stark einschränken. Außerhalb der Volksrepublik China hat sich mit Kung Fu ein anderer Begriff für chinesische Kampfkünste durchgesetzt. Bezüglich der Kampfkünste ist dieser Begriff nicht ganz korrekt, da er soviel wie „schwierige Arbeit“, „erworbene Fähigkeit“ oder „Lehre von ...“ bedeutet. Somit lässt er sich auf Kampfkunst ebenso anwenden, wie beispielsweise auf Klavierspielen oder Weintrinken. Neben der westlichen Welt hat sich der Begriff Kung Fu auch in Hongkong, Taiwan und Singapur etabliert. Im Gegensatz zu Wushu liegt im Kung Fu der Schwerpunkt auf dem Selbstverteidigungsaspekt und auf den geistigen Hintergründen (Kampfkunst).

Leider bedingt die zunehmende Kommerzialisierung der Kampfkünste eine sich verstärkende Lösung von ihrem ethischen und geistigen Hintergrund. Bis heute existieren weltweit offiziell annähernd 600 unterschiedliche Stilrichtungen an Kampfkunst- und Kampfsportsystemen. Addiert man die nicht öffentlich auftretenden Stilrichtungen dazu, die in alter Tradition nur innerhalb einer Familie weitergegeben werden, so vergrößert sich die Anzahl der Systeme um mehr als 1000. Das gleiche gilt auch für die rein „inneren“ oder Gesundheitssysteme. In den letzten Jahren hat sich, von Deutschland ausgehend, in Europa das Kampfkunstsystem „Chan-Shaolin-Si“ stark verbreitet. Dieses gilt offiziell als das erste in Deutschland praktizierte chinesische Kampfkunstsystem und ist als solches durch Presse und Fernsehen dokumentarisch festgelegt. Der Name Chan-Shaolin-Si bedeutet folgendes: „Chan“, identisch mit dem japanischen Wort „Zen“, zielt auf den von Bodhidharma in China eingeführten Chan-Buddhismus und verdeutlicht im weitesten Sinne Meditation, Versenkung oder Lehre vom Ausgleich der bipolaren Kräfte (Yin/Yang). Die gegensätzlichen Kräfte Yin und Yang sind Grundprinzipien, die sich gegenseitig ergänzen, ablösen und bedingen, da das eine ohne das andere nicht existieren kann. Yang steht für Licht, Wärme, Aktivität und für das positive männliche Prinzip der Fruchtbarkeit usw., während Yin den Schatten, die Kälte, die Passivität und das negative weibliche Prinzip der Fruchtbarkeit verkörpert. Hat Yang größte Intensität erreicht, entsteht Yin. Dieser Prozess ist umkehrbar und bewirkt einen dauerhaften Wandel. „Shaolin“ bezieht sich auf das Shaolin-Kloster in der Honan-Provinz Chinas, welches als Ursprungsort dieser Kampfkunst anzusehen ist. Der Name Shaolin ist die Ableitung des „Waldes von Shao“, der näheren Lagebezeichnung des Klosters. „Si“ geht einher mit dem japanischen Wort „Do“ (vgl. Karate-Do) und bedeutet wörtlich: „Der Weg“, womit auch die individuelle Schulung in dem ein oder anderen System gemeint ist.

Drache

Das Chan-Shaolin-Si beinhaltet als Grundlage den Drachenstil, der aus den Essenzen anderer Tierstile entwickelt wurde. Er dient der Verfeinerung des Geistes, der Tiefenatmung, der Stärkung von Knochen und Sehnen und der Kraftentwicklung. Innerhalb des Drachenstils soll auch das Chi geschult werden, denn der Schüler soll nicht nur lernen, die Kraft, die aus den Gliedmaßen kommt, zu nutzen, sondern ebenso, mittels besonderer Atemtechnik, diese Kraft zu steigern, um so innere Verspannungen durchbrechen zu können. Um das Wesen des Drachen näher zu beschreiben, kann man ihn am besten mit einer Katze vergleichen. Die Katze ist geschmeidig, beweglich und greift in blitzschneller Art und Weise ihre Gegner an. Die Motorik ist so koordiniert, dass sie zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt in sämtliche Richtungen reagieren kann.

Im Drachenstil sind harte, kräftige und weiche, geschmeidige Bewegungen miteinander verbunden. Ein wichtiger Bestandteil sind die 18 statischen Übungen (vgl. „die 18 Hände des Lohan“ nach Bodhidharma). Darunter versteht man 18 verschiedene Bewegungen, die langsam und unter Krafteinsatz mit einer angepassten Atemtechnik durchgeführt werden. Während der gesamten Ausführung der statischen Übungen steht der Ausübende immer in einer breiten und tiefen Stellung. Statisches Training vollzieht sich nach dem Prinzip der isometrischen Muskelkontraktion. Es zielt auf den Aufbau von Muskeln, Sehnen, Atmung, Konzentration, Spannung - Entspannung und Kondition. In diesem Sinne kann das statische Training, welches die äußere Kraft trainiert, als Wegbereiter für die innere Kraft angesehen werden. Den nächsten wichtigen Pfeiler bilden die sogenannten Grundtechniken. Diese implizieren die Vermittlung einzelner Schläge, Stöße, Tritte und Grundstellungen mittels Konzentration auf Kraft und Atmung. Dem Schüler soll hierbei der richtige Punkt für Schläge und Tritte vermittelt werden, was bedeutet, dass er lernt, den Körper in dem Moment kurz anzuspannen, in dem die Kraft gebraucht wird und nicht früher oder später. Die dritte Säule innerhalb des Drachenstils bilden die 18 festgelegten Partnerübungen (Pokkeks) und die freien Selbstverteidigungstechniken (Dju-Su). Hier lernt der Schüler, die erworbenen Fähigkeiten am Partner einzuüben. Diese Übungen werden mit starker Konzentration und Selbstkontrolle ausgeführt, da der Partner nicht verletzt werden soll.

Das nächste Element ist der „Weg des Drachen“. Damit wird das Schattenboxen im Drachenstil bezeichnet. Der Ausübende durchläuft 248 verschiedene Bewegungsabläufe, welche den Drachen imitieren (z.B. der Drache landet, der Drache schlägt zu etc.) und einen imaginären Kampf gegen mehrere Gegner darstellen. Isotonisch-dynamisches Training ist die nächste Stufe, welche die äußere Form abrundet. Darunter ist ein Konditionstraining zu verstehen, das sich beispielsweise durch Laufen, Liegestütze, Rumpfbeugen, Abhärtung und Dehnung auszeichnet. Danach wird der Schüler in den inneren Formen unterrichtet. Diese enthalten die unterschiedlichsten Meditations- und Konzentrationsmethoden, sowie Tai-Chi Chuan, Chi-Kung und die Yin/Yang-Philosophie. Die letzte Stufe des Chan-Shaolin-Si, welche nur fortgeschrittenen Schülern vorbehalten ist, ist der Umgang mit verschiedenen Waffen und der Freikampf.
Tai Chi Chuan
Der Lernprozess eines Kampfkunstschülers sollte ein von Interesse getragenes Üben sein, welches eng an die geistigen Zusammenhänge der jeweiligen Kampfkunst geknüpft ist. Auf diese Art werden praktische und theoretische Elemente miteinander verbunden. Jedes Kampfkunstsystem ist eine Sache der richtigen Distanz und des richtigen Zeitpunktes (Timing). Diese beiden normalerweise untrennbaren Eigenschaften werden nur in Übungen mit einem sich bewegenden Partner erworben. Dabei ist die individuelle Reaktionsfähigkeit ein entscheidender Faktor.

Yin Yang Bild